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Abschied vom alten Tivoli am 24. Mai 2009

Eine Stellungnahme eines Fans von Borussia Mönchengladbach, ja auch dies lohnt sich wirklich zu lesen und trifft so ziemlich genau den Nagel auf den Kopf:

 

Als nun am vergangenen Sonntag eines der wenigen verbliebenen alten Stadien seinen Ausstand gibt, da überkommt es selbst einen Borussen, der nicht immer geliebten Kultstätte einen Besuch abzustatten und den Abschied live im Stadion zu erleben als einer der Letzten von insgesamt 16.250.311 Zuschauern, die in 100 Spielzeiten an den Aachener Tivoli strömten. Natürlich ist auch an diesem Sonntag das Stadion mit 21.200 Zuschauern wieder ausverkauft und ausnahmsweise mischen sich auch im Gästeblock viele Alemannia-Fans unter die rund 200 mitgereisten Gästeanhänger, die den von Jos Luhukay trainierten FC Augsburg am letzten Spieltag bei herrlichem Sommerwetter unterstützen.

 

Nach diversen eigenen Besuchen in meinem Leben auf dem Würselner Wall, dem Aachener Wall (Gästeblock) oder der Haupttribüne verschlägt es mich gerade bei dieser emotionalen Partie auf die überdachte Gegentribüne, das Herzstück des Tivolis und des Rivalen Alemannia Aachen. Doch dieses Mal geht es weder um sportliche Rivalität oder stehen wichtige sportliche Entscheidungen an, es heißt Abschied nehmen von einem genialen engen Fußballstadion mit tollen Stehplätzen und einer hitzigen, manchmal auch überhitzten Atmosphäre. Auch dem Wettergott scheint der Tivoli in seinen 2.214 Spielen ans Herz gewachsen zu sein, lässt er doch hochsommerliches Wetter über der Kaiserstadt am Spieltag erscheinen.

Noch ist alles rund um den Tivoli gemütlich und auch ein „Dachschaden“ am Bus auf der Fahrt zum Tivoli bringt die „Öcher“ nicht aus der Ruhe, auch wenn der bei jeder Auswechselung von der „Aseag“ versprochen „gute Einstieg“ nicht ganz funktioniert. Eine fröhliche Party rund um das Stadion stimmt die „Kartoffelkäfer“ auf das letzte Pflichtspiel der Alemannia-Profis am alten Tivoli ein.

 

Doch der Abschied scheint von Anfang an anders als damals am Bökelberg, wobei sicher auch eine Rolle spielt, dass der neue Tivoli keine hundert Schritte von der 101 Jahre alten Kultstätte entfernt ist. Heute betritt man letztmals über die lange Treppe die Stehtribüne nachdem man die 30 Cent Nutzungsgebühr auf der Toilette unter selbiger Tribüne beim freundlichen Toiletten-Mann entrichtet hat. Legenden finden sich anschließend nicht nur in der Bausubstanz sondern auch in menschlicher Gestalt auf dem Rasen, zum Abschied sind viele ehemalige Tivoli-Größen gekommen.

Mit einer großen Choreographie verabschieden sich die Fans der Alemannia von ihrer Spielstätte und eröffnen die bedeutungslose Zweitliga-Partie mit dem melancholischen Satz »Erst wenn die letzte Schlacht vergeht, hat unsere Heimat ausgedient«.

Schlachten hat auch die Borussia in ihren 15 Pflichtspielen seit 1961 am Tivoli erlebt, von denen nur vier mit einem Sieg der Fohlen endeten. Besonders der 17.03.2004 lässt noch heute das Borussen-Herz beben, wenn man an die bittere 0:1-Niederlage im Pokal-Halbfinale und die verpasste Uefa-Cup-Qualifikation zurückdenkt. Aber auch eine der bitterste Niederlagen in den letzten zehn Jahren hatte mehr Charme, als ein Spiel in einem blutleeren, tristen und stimmungsarmen modernen Ortbeton-Bau.

Die Alemannia gewinnt die letzte Partie am Tivoli, die heimischen Fans dürfen vier Mal zur Tormusik ihre Schals schwenken, eine Heimmacht war der heimische Verein aber nicht unbedingt. In 2.214 Heimspielen auf dem Tivoli konnten „nur“ 1.258 Siege erzielt werden, besondere Stimmung herrschte dabei vor allem bei den 550 Flutlichtspielen, auch wenn in den 101 Jahren am Tivoli nur vier Jahre in der Bundesliga verbracht wurden. Die schon angesprochene Zufriedenheit macht sich bei den Aachenern auch breit, wenn die Alemannia nun mindestens ein weiteres Jahr zweitklassig bleibt und Spieler wie Matthias Lehmann den Klub verlassen um anderswo mehr Geld zu verdienen. Niemand pfeift an diesem Tag bei „Matzes“ Abschied und neben Lehmann verabschieden sich zahlreiche weitere Spieler und Verantwortliche – der Verein befindet sich nicht nur im Hinblick auf das Stadion mitten im Umbruch.

 

Nach dem Spiel versammelt sich die Alemannia-Familie mit Jung und Alt im Innenkreis des Stadions und nimmt bei alten Klassikern Abschied von der Sportstätte. Niemand verlässt das Stadion und vielen Fans und Zuschauern stehen die Tränen in den Augen bevor Stadionsprecher Robert Moonen die letzten Worte im Rund spricht und sakrale Kirchenmusik auch beim letzten Stadionbesucher die Nackenhaare zu Berge stehen lässt. Die Stadionuhr zeigt 16:24 Uhr als die Kultstätte Geschichte ist und wieder ein altes Stadion einer neuen Arena gewichen ist.

 

Tschö Tivoli!


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